Teil 3: Das Testament der Toten
Um 03:17 Uhr stand Clayton Royce mit einem geladenen Revolver im Erdgeschoss seines eigenen Hauses.
Regenwasser tropfte durch den geöffneten Eingang auf den Marmorboden der Empfangshalle. Der Wind bewegte die Vorhänge wie langsame Geisterhände.
Niemand war zu sehen.
Doch jemand war im Haus gewesen.
Das wusste er.
„Clayton?“ Viviennes Stimme kam zitternd von der Treppe. Sie hatte sich einen Seidenmantel übergeworfen, doch ihre Furcht war echt genug, um selbst durch das perfekte Make-up sichtbar zu werden.
„Bleib oben“, sagte er scharf.
Zum ersten Mal seit Amelia gestorben war, gehorchte Vivienne sofort.
Clayton ging langsam durch die Halle.
Dann sah er es.
Etwas lag auf dem Konsolentisch unter dem großen Spiegel.
Ein Umschlag.
Cremefarben.
Sein Name stand darauf.
In Amelias Handschrift.
Claytons Blut gefror.
Nein.
Unmöglich.
Er griff danach.
Der Umschlag war trocken, obwohl alles andere vom Regen nass war.
Mit zitternden Fingern öffnete er ihn.
Darin lag nur ein einzelner Schlüssel.
Und eine Karte.
Falls du das liest, bist du bereits zu spät.
Claytons Hände begannen zu zittern.
Vivienne kam langsam die Treppe herunter. „Was ist das?“
Er antwortete nicht.
Die Karte fiel beinahe aus seinen Fingern.
Auf der Rückseite stand eine Adresse.
Ein Bankschließfach in Cambridge.
Und darunter:
Die Kinder gehören niemals dir.
Vivienne wurde blass. „Clay… was bedeutet das?“
Doch Clayton hörte sie kaum noch.
Denn plötzlich erinnerte er sich.
An die letzten Wochen von Amelias Schwangerschaft.
An ihre stillen Anrufe.
An die Dokumente, die sie versteckt hatte.
An den Streit, den sie beendet hatte mit den Worten:
„Falls mir etwas passiert, wirst du nicht gewinnen.“
Damals hatte er geglaubt, es sei nur Angst gewesen.
Jetzt war er sich nicht mehr sicher.
Sein Handy vibrierte.
Unbekannte Nummer.
Er nahm ab.
„Mr. Royce“, sagte eine ruhige Männerstimme. „Hier spricht Daniel Mercer, Anwalt von Amelia Hartwell Royce.“
Claytons Kehle wurde trocken.
„Amelia ist tot.“
„Ja“, sagte Mercer ruhig. „Deshalb rufe ich an.“
Pause.
Dann:
„Ihre verstorbene Ehefrau hat vor sechs Wochen ein versiegeltes Testament hinterlegt. Mit sehr speziellen Anweisungen für den Fall ihres Todes.“
Vivienne griff nach Claytons Arm. „Was für Anweisungen?“
Der Anwalt antwortete direkt.
„Sollte Mrs. Royce unter ungewöhnlichen Umständen versterben, wird das alleinige Vermögen der Hartwell-Stiftung in einen unwiderruflichen Trust übertragen.“
Clayton spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
„An wen?“
Stille.
Dann:
„An ihre Kinder.“
Der Regen schlug härter gegen die Fenster.
Und zum ersten Mal verstand Clayton Royce, dass Amelia vielleicht gestorben war —
aber den Krieg hatte sie trotzdem gewonnen.
