Teil 3 – Der Geist aus fünfzehn Jahren Dunkelheit
Die Worte hingen in der Luft wie Rauch nach einem Brand, der noch nicht gelöscht war. „Der Geist ist zurück.“ Matteo Bellini bewegte sich nicht sofort, doch der gesamte Raum schien auf diese Sekunde zu warten, als hätte jemand eine unsichtbare Waffe entsichert. Hannah spürte, wie Lily ihre Finger fester um ihre kleinen Hände schloss, als hätte sie instinktiv erkannt, dass die Welt sich verschoben hatte. „Wer bist du?“ fragte Matteo nun direkt, seine Stimme tiefer, gefährlicher, aber nicht mehr nur auf sie gerichtet, sondern auf etwas hinter ihr. Hannah stand langsam auf, ihre Knie zitterten kaum merklich, doch ihre Augen blieben ruhig. „Nur jemand, der mit einem Kind gesprochen hat“, sagte sie. Matteo trat einen Schritt näher, und diesmal ließ er die Distanz nicht zufällig entstehen. „Du hast einen Namen“, sagte er. „Und ich habe ihn vergessen — oder du hast ihn versteckt.“ Ein leises Knacken aus seinem Ohrstück. Eine Stimme. „Sie ist es. Ich schwöre es dir. Der Calder-Fall. Vor fünfzehn Jahren.“ Der Name traf die Luft wie ein Schuss, der nie abgefeuert werden sollte. Einige Gäste standen auf. Andere versuchten zu gehen, wurden aber von den Leibwächtern sofort zurückgedrängt. Hannah spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Ein Name, den sie nicht mehr gehört hatte. Nicht laut. Nicht seit Jahren. Matteo Bellini sah sie jetzt nicht mehr wie eine Kellnerin. Nicht wie eine Fremde. Sondern wie eine Antwort auf eine Frage, die ihn seit einem Jahrzehnt verfolgt hatte. „Calder“, wiederholte er langsam. „Du gehörst zu ihm.“ Hannahs Atem stockte, doch sie verneinte nicht sofort. Das wäre eine Lüge gewesen, und Lügen hatten in diesem Raum kurze Lebenszeiten. „Ich gehörte niemandem“, sagte sie schließlich. Doch Matteo schüttelte den Kopf. „Du hast gerade meine Tochter berührt“, sagte er. „Und sie hat dich verstanden, bevor ich es konnte.“ Ein schweres Schweigen folgte. Lily zog vorsichtig an seinem Mantel. Sie zeigte erneut die Bewegung. „Du bist sicher.“ Matteo sah seine Tochter an — wirklich an. Und zum ersten Mal seit Jahren antwortete er nicht mit Kontrolle, sondern mit etwas, das gefährlich nahe an Menschlichkeit lag. Dann drehte er sich wieder zu Hannah. „Wenn du wirklich der Geist bist, den ich suche“, sagte er leise, „dann hast du gerade den falschen Moment gewählt, um aufzutauchen.“ Draußen heulten plötzlich Sirenen auf. Nicht zufällig. Koordiniert. Und irgendwo in der Stadt begann ein Krieg, der seit fünfzehn Jahren auf genau diesen Augenblick gewartet hatte. Hannah wusste, dass sie hätte rennen sollen. Doch sie blieb. Weil Lily ihre Hand nicht losließ.
