Teil 3 – Der Mann, der den Teufel erschuf
Avery erstarrte. Die Pistole drückte sich gegen ihren Rücken, während Damian blitzschnell zwischen sie und den Fremden trat. „Runter mit der Waffe, Victor“, sagte er gefährlich ruhig. Der Mann lachte trocken. „Sie weiß zu viel.“ Sekundenlang herrschte Stille. Dann senkte Victor widerwillig die Pistole. Avery verstand gar nichts mehr. „Wer ist Antonio Romano?“ fragte sie. Niemand antwortete. Schließlich griff Damian nach dem vergilbten Foto und betrachtete es lange. Als er sprach, klang seine Stimme älter als sonst. „Antonio Romano war mein Vater.“
Die Wahrheit kam Stück für Stück ans Licht. Vor fünfundzwanzig Jahren hatte Antonio Romano ein kleines Restaurant besessen. Er war ehrlich, beliebt und weigerte sich, Schutzgeld an die damalige Mafia zu zahlen. Dafür bezahlte er mit seinem Leben. Das Restaurant wurde niedergebrannt. Seine Frau starb Wochen später an ihren Verletzungen. Der einzige Überlebende war ihr Sohn Damian. Der Junge lernte früh, dass die Welt nicht von guten Menschen regiert wurde. Also wurde er stärker als jene, die ihm alles genommen hatten.
„Du hast eine Mafia aufgebaut, um Rache zu nehmen?“ fragte Avery leise. Damian schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe sie aufgebaut, damit niemand mehr mit Familien machen kann, was man mit meiner gemacht hat.“ Doch Victor trat vor. „Und jetzt wird alles zusammenbrechen.“ Avery sah ihn verwirrt an. Victor erklärte, dass Romano nicht tot war. Antonio hatte seinen Tod nur vorgetäuscht, um seine Familie zu schützen. Jahrzehntelang hatte er im Verborgenen gelebt. Vor wenigen Wochen war er zurückgekehrt. Jemand hatte ihn entdeckt. Nun wollten mehrere rivalisierende Gruppen ihn finden.
Noch bevor jemand reagieren konnte, ertönte draußen ein Schuss. Dann ein weiterer. Die Fenster der Kellerküche zersprangen. Männer stürmten das Anwesen. Chaos brach aus. Damian packte Avery an der Hand und zog sie durch geheime Gänge. Über ihnen hallten Schüsse durch das Herrenhaus. Zum ersten Mal sah Avery den gefürchteten Mann nicht als Boss, sondern als Sohn, der verzweifelt versuchte, seine Familie zu retten.
Sie erreichten eine alte Kapelle am Rand des Grundstücks. Dort wartete ein älterer Mann mit grauem Haar. Antonio Romano. Lebendig. Doch die Verfolger hatten sie bereits eingeholt. Einer der Angreifer richtete seine Waffe auf Antonio. Damian stellte sich ohne Zögern davor. Der Schuss fiel.
Avery schrie.
Doch Victor hatte sich dazwischengeworfen. Er brach getroffen zusammen, während die Sicherheitskräfte die Angreifer überwältigten. Mit seinem letzten Atemzug lächelte Victor schwach. „Diesmal… verliert die Familie nicht.“
Monate später wurde die Wahrheit öffentlich. Die kriminellen Netzwerke wurden zerschlagen. Damian verkaufte einen großen Teil seines Imperiums und investierte stattdessen in kleine Familienbetriebe in Chicago. Unter den ersten Projekten befand sich June’s Table.
An einem warmen Frühlingsabend stand Avery vor dem renovierten Restaurant. Über der Tür hing ein neues Schild. Darunter trat Damian aus dem Gebäude, die Hände in den Taschen. „Du weißt“, sagte sie lächelnd, „dass ich dich früher für den Teufel gehalten habe.“ Damian trat näher. „Und jetzt?“ Avery nahm seine Hand. „Jetzt weiß ich, dass der Teufel damals verhungert ist. Aber der Mann dahinter hat endlich ein Zuhause gefunden.“
Die Lichter des Restaurants gingen an. Gäste lachten. Musik erfüllte die Straße. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte Damian Cross nicht mehr das Gefühl, etwas verloren zu haben. Denn zwischen dem Duft von frischem Brot und dem Klang glücklicher Stimmen hatte er genau das gefunden, wonach er sein ganzes Leben gesucht hatte: eine Familie, die geblieben war.
Ende.
