PART 2: DER MANN, DER IM SCHATTEN ZU SIEHEN BEGANN
Penny hatte kaum den ersten Schluck Wasser genommen, als ihr Handy vibrierte.
Einmal.
Dann noch einmal.
Und dann ununterbrochen.
„Alles okay?“, fragte Connor und legte den Kopf leicht schief.
„Ja“, log sie reflexartig.
Doch in dem Moment, in dem sie auf den Bildschirm sah, veränderte sich ihre ganze Welt.
Unbekannte Nummer.
Ein einziges Bild.
Sie öffnete es.
Und erstarrte.
Es war eine Aufnahme aus der Lobby ihres Bürogebäudes.
Sie selbst — in ihrem roten Kleid.
Und direkt hinter ihr: drei Männer, die sie nicht kannte. Dunkle Mäntel. Zu ruhig. Zu präzise. Einer von ihnen hielt ein Gerät in der Hand, das eindeutig kein Telefon war.
Unter dem Bild stand nur ein Satz:
„Sie ist nicht auf dem Weg zu einem Date.“
Penny spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Ich… ich muss kurz raus“, sagte sie und stand abrupt auf.
Connor blinzelte. „Alles okay?“
„Ja“, wiederholte sie schneller, diesmal weniger überzeugend.
Draußen auf der Straße war die Kälte plötzlich unerträglich. Penny zog den Mantel enger um sich und rief ihre Voicemail ab.
Eine Nachricht.
Adrian Mercer.
Nur sechs Sekunden.
„Geh nicht allein nach Hause.“
Kein Befehl.
Keine Drohung.
Nur eine Tatsache.
Ihr Herz schlug schneller.
Sie rief zurück.
Keine Antwort.
Noch bevor sie ein zweites Mal wählen konnte, hielt ein schwarzer SUV am Straßenrand.
Die Scheibe glitt herunter.
Declan.
Adrians Sicherheitschef.
„Einsteigen“, sagte er ruhig.
„Was ist los?“, fragte Penny.
„Nicht hier.“
Sie zögerte nur eine Sekunde.
Dann stieg sie ein.
Im Inneren des Fahrzeugs war es still. Zu still.
„Adrian hat dich gesucht“, sagte Declan schließlich.
„Ich bin in einem Restaurant gewesen.“
„Er weiß.“
„Dann warum—“
Declan unterbrach sie nicht. Das war schlimmer als jede Antwort.
Als sie am Mercer Tower ankamen, war der Himmel schwarz geworden.
Der private Aufzug brachte sie direkt in die oberste Etage.
Die Türen öffneten sich.
Und Penny blieb stehen.
Adrian stand am Fenster.
Sein Hemd war nicht mehr perfekt. Die Manschetten waren hochgekrempelt. Sein Blick war nach draußen gerichtet, aber er sah nichts.
Auf dem Tisch hinter ihm lagen mehrere Akten.
Und ein Foto.
Connor.
Gibson’s Restaurant.
Penny.
„Du bist ihm gefolgt“, sagte sie leise.
Adrian drehte sich langsam um.
„Ich habe dich nicht ihm überlassen“, antwortete er.
„Ich bin kein Besitz.“
„Ich weiß.“
Das war das Problem.
Er wusste es wirklich.
Er trat einen Schritt näher.
„Die Männer, die dich heute Abend beobachtet haben, waren nicht wegen mir dort“, sagte er ruhig.
Penny erstarrte.
„Was?“
Adrian warf das Foto auf den Tisch.
„Connor arbeitet nicht in der Finanzanalyse.“
Stille.
„Er arbeitet für die Varela-Gruppe.“
Der Name traf sie wie ein kalter Schlag.
Eine Familie, die selbst im Schatten von Adrians Welt als gefährlich galt.
„Sie testen mich“, sagte Adrian. „Und du bist der einfachste Einstiegspunkt.“
Penny wollte lachen.
Tat es aber nicht.
Weil etwas in seinem Blick nicht wie Paranoia wirkte.
Sondern wie Erfahrung.
„Du glaubst ihm nicht“, flüsterte sie.
„Ich glaube niemandem“, sagte Adrian ehrlich. „Das ist der Unterschied zwischen dir und mir.“
Ein Moment verging.
Dann trat er näher, aber nicht so nah wie zuvor im Büro.
„Ich hätte dich heute Abend nicht allein gehen lassen sollen.“
„Du lässt mich nie allein“, sagte sie scharf.
Das traf ihn.
Zum ersten Mal sah er aus, als hätte er keine Antwort.
Penny atmete schwer.
„Ich bin nicht dein Risiko, Adrian.“
Er nickte langsam.
„Nein“, sagte er leise. „Du bist mein Fehler.“
Stille.
Dann vibrierte sein Handy.
Ein einziger Blick darauf.
Sein Gesicht verhärtete sich sofort.
„Sie sind in der Stadt“, sagte er.
„Wer?“
Adrian sah sie an.
Und diesmal war da keine Kontrolle mehr.
Nur Wahrheit.
„Die Leute, die denken, dass du mich heute Abend benutzen solltest.“
Penny spürte, wie sich die Welt verschob.
„Ich habe niemanden benutzt.“
„Ich weiß“, sagte er.
Pause.
„Aber sie glauben, ich würde dich beschützen.“
Er trat einen Schritt zurück.
„Und jetzt wissen sie, dass ich es tue.“
Draußen flackerte die Skyline von Chicago.
Drinnen verstand Penny zum ersten Mal, dass das rote Kleid nie das Problem gewesen war.
Sondern die Tatsache, dass jemand wie Adrian Mercer bereit war, alles zu zerstören, nur um sie nicht zu verlieren.
