Teil 2 – Der Vertrag des Raben-Königs

Teil 2 – Der Vertrag des Raben-Königs

Ich hatte die Frage meines Vaters kaum beendet, da hörte ich sie bereits in der Stille zwischen unseren Atemzügen. Und die Antwort war schlimmer als jedes „Geld“.

„Dich“, sagte er schließlich. Nur dieses eine Wort.

Die Küche fühlte sich plötzlich kleiner an, als hätte jemand die Luft herausgedrückt. Ich starrte ihn an, auf die tiefen Schatten unter seinen Augen, auf die Hände, die so fest um die Tasse krampften, dass sie zitterte.

„Das ist ein Scherz“, flüsterte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Es ist ein Vertrag. Eine Ehe. Er löscht die Schulden. Er schützt deine Mutter. Und… er verlangt dich im Gegenzug.“

Ich stand auf, so abrupt, dass der Stuhl hinter mir über den Boden kratzte. „Ich bin kein Gegenstand.“

„Ich weiß“, sagte er leise. Aber sein Blick sagte etwas anderes. Dass ich längst verkauft war, bevor ich überhaupt gefragt wurde.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich las den Zettel aus dem Hochzeitskleid immer wieder: Vertrau ihm nicht. Die Worte brannten sich in mein Gedächtnis wie eine Warnung, die zu spät gekommen war.

Als der Morgen kam, wartete bereits ein schwarzes Auto vor dem Haus.

Kein Chauffeur stieg aus. Nur ein Mann in einem dunklen Mantel, der meinen Namen kannte, ohne ihn zu fragen.

„Miss Monroe“, sagte er höflich. „Es ist Zeit.“

Ich hätte weglaufen können. Ich hätte schreien können. Ich tat es nicht.

Weil meine Mutter im Nebenzimmer atmete wie ein zerbrechliches Versprechen, das jederzeit brechen konnte.

Die Fahrt nach Chicago war still. Die Stadt tauchte schließlich auf wie eine Drohung aus Glas und Stahl. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto weniger fühlte es sich an wie eine Hochzeit und mehr wie ein Urteil.

See also  Teil 3 – Die Frau, die nicht mehr wartete

Das Anwesen der Vales war kein Haus. Es war eine Festung aus schwarzem Stein, versteckt hinter hohen Toren und Kameras, die sich bewegten wie lebendige Augen.

Und dann sah ich ihn.

Adrian Vale.

Er stand am Ende der großen Halle, als hätte er mich bereits erwartet. Dunkler Anzug, ruhige Haltung, kein Lächeln. Nur diese unergründliche Ruhe eines Mannes, der nie um Erlaubnis bitten musste.

„Ava Monroe“, sagte er, und mein Name klang in seinem Mund wie etwas Eigentümliches.

Ich hob das Kinn. „Ich bin nicht hier, weil ich will.“

Zum ersten Mal zeigte sein Gesicht etwas, das fast Interesse war.

„Das weiß ich“, antwortete er ruhig. „Niemand kommt freiwillig zu mir.“

Ein Diener brachte den Vertrag. Dickes Papier. Viele Seiten. Kleine Schrift, große Konsequenzen.

Ich dachte an meine Mutter. An mein altes Leben. An das Mädchen, das glaubte, Bücher könnten die Welt erklären.

Und dann unterschrieb ich.

Der Stift war schwerer, als ich erwartet hatte.

Als ich meinen Namen setzte, veränderte sich etwas in der Luft. Nicht sichtbar, aber spürbar. Als hätte die Welt beschlossen, sich nicht mehr zurückzudrehen.

Adrian nahm das Dokument, ohne mich aus den Augen zu lassen.

„Du bist jetzt meine Frau“, sagte er leise.

Ich hätte triumphieren sollen, dachte ich. Oder weinen.

Aber in seinem Blick lag etwas, das ich nicht erwartet hatte.

Nicht Besitz.

Sondern Gefahr.

Und irgendwo tief in mir entstand der schreckliche Gedanke, dass der wahre Vertrag vielleicht nicht der war, den ich unterschrieben hatte… sondern der, den ich noch nicht verstanden hatte.

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