Teil 2: Die Wahrheit unter dem Beton
Nora stolperte in ihre Schuhe, ohne wirklich zu verstehen, dass ihre Hände zitterten. Jeder Muskel in ihrem Körper schrie danach, entweder zu fliehen oder zu kollabieren. Doch der Mann im schwarzen Mantel ließ ihr keine Wahl. Er zog die Tür auf, warf einen kurzen Blick in den Flur und erstarrte.
„Sie sind schneller als gedacht“, murmelte er.
„Wer sind sie?“ Noras Stimme brach.
Er antwortete nicht sofort. Stattdessen zog er sie mit einer plötzlichen, kontrollierten Bewegung aus der Wohnung in den dunklen Flur. Der Geruch von Metall und kaltem Rauch hing in der Luft. Die Körper hinter ihnen waren noch dort – Beweise dafür, dass das, was gerade passiert war, real war.
„Du hast das Foto gesehen“, sagte er schließlich, während sie die Treppe hinuntergingen. „Richter Malcolm Vale. Du dachtest, er wurde ermordet, weil er einen korrupten Fall aufgedeckt hat.“
„Hat er das nicht?“
Ein kurzes, bitteres Lachen entwich ihm. „Er hat etwas viel Gefährlicheres entdeckt. Er hat ein System berührt, das seit zwanzig Jahren unter dieser Stadt lebt.“
Nora blieb stehen. „Welches System?“
Der Mann drehte sich zu ihr um. Zum ersten Mal sah sie so etwas wie Müdigkeit in seinen Augen.
„Richter Vale hat keine Einzelperson untersucht. Er hat ein Netzwerk gefunden – Richter, Anwälte, Politiker. Und Leute wie mich.“
„Leute wie dich?“
„Die Dinge beenden, bevor sie ans Licht kommen.“
Ein Sirenengeräusch durchschnitt die Nacht. Nicht weit entfernt. Näher als es hätte sein dürfen.
Er packte wieder ihr Handgelenk. „Keine Fragen mehr.“
Sie rannten.
Hinter dem Gebäude führte ein schmaler Gang zwischen zwei Backsteinwänden hindurch, so eng, dass kaum Licht hindurchfiel. Nora stolperte, spürte nassen Beton unter ihren Fingern, hörte Schritte hinter ihnen, Stimmen, Befehle.
„Warum ich?“ keuchte sie. „Ich bin nur Archivarin im Gericht! Ich digitalisiere Akten, mehr nicht!“
Er blieb abrupt stehen.
„Weil du die letzte Person bist, die Vale angerufen hat, bevor er starb.“
Nora spürte, wie ihr Blut gefror.
„Das ist unmöglich… ich habe nur eine Datei hochgeladen—“
„Eine Datei, die nicht hätte existieren dürfen.“ Seine Stimme war jetzt leiser. Schärfer. „Und jemand hat sie trotzdem gesehen.“
Ein dumpfer Schlag hallte durch den Gang. Einer der Verfolger war näher gekommen.
Der Mann zog Nora hinter eine feuchte Metalltreppe. Sie presste sich gegen die Wand, während er über ihr den Blick in die Dunkelheit richtete.
„Hör mir genau zu“, flüsterte er. „Wenn wir hier rauskommen, wirst du niemandem vertrauen. Nicht der Polizei. Nicht dem Gericht. Niemandem.“
„Und dir?“
Für einen Moment sagte er nichts.
Dann: „Ich bin der einzige Grund, warum du noch atmest.“
Schritte näherten sich. Licht fiel in den Gang.
Der Mann bewegte sich schneller, als Nora sehen konnte. Ein kurzer Kampf, ein gedämpfter Laut, dann Stille. Als er zurücktrat, war der Weg frei.
„Los.“
Sie rannten weiter, bis der Gang in eine verlassene U-Bahn-Zufahrt führte. Kalte Luft schlug ihnen entgegen. Unten glitzerte das dunkle Gleis wie eine offene Wunde unter der Stadt.
Der Mann hielt sie zurück.
„Unter diesem Beton“, sagte er leise, „liegt der Richter nicht allein.“
Nora schluckte. „Was meinst du damit?“
Er sah sie an, und diesmal war da keine Kälte mehr, nur eine schreckliche Klarheit.
„Er ist nicht vergraben worden, Nora.“
Eine Pause.
„Er wurde gelagert.“
Ein Zug fuhr irgendwo in der Ferne vorbei, doch sie spürte ihn nicht. Alles in ihr verengte sich auf diesen einen Satz.
Und zum ersten Mal verstand sie: Das war kein Fall.
Das war ein Fundament.
Und sie stand direkt darüber.
