Teil 3: Das Monster im Maßanzug
Eine Stunde später war das gesamte Valenti-Anwesen still.
Nicht die normale kontrollierte Stille des Reichtums.
Diese Stille war anders.
Schwer.
Wie die Sekunden vor einem Schuss.
Caleb Rourke saß im Sicherheitsbüro im Untergeschoss, seine Hände mit Kabelbindern gefesselt, Blut an seiner Lippe.
Niemand hatte gesehen, wer ihn geschlagen hatte.
Niemand fragte.
Roman Valenti stand vor den Überwachungsmonitoren und sah sich dieselbe Aufnahme zum dritten Mal an.
Nico.
Ein Glas Milch.
Caleb daneben.
Eine kleine weiße Tablette.
Avas Magen zog sich zusammen.
„Wie lange?“, fragte Roman leise.
Caleb antwortete nicht.
Roman nickte einmal.
Dante Moretti, Romans ältester Sicherheitschef, trat vor und schlug Caleb so hart gegen den Stuhl, dass Metall kreischte.
„Wie lange?“, wiederholte Roman.
Caleb hustete Blut.
„Sechs Monate.“
Ava schloss kurz die Augen.
Sechs Monate.
Ein sechsjähriges Kind.
Roman blieb vollkommen regungslos.
Das war schlimmer als Wut.
„Warum?“
Caleb lachte nervös.
„Du verstehst es wirklich nicht, oder?“
Dante packte ihn sofort am Hals.
Doch Roman hob eine Hand.
Caleb grinste blutig.
„Deine Tante wollte die Kontrolle über das Unternehmen“, sagte er heiser. „Der Junge stand im Weg. Solange Nico instabil wirkt, bleibt die Vormundschaft bei ihr.“
Ava sah Roman an.
Und verstand plötzlich, warum alle ihn fürchteten.
Nicht wegen seiner Macht.
Wegen seiner Ruhe.
Roman zog langsam seine Uhr aus und legte sie auf den Tisch.
Eine kleine Bewegung.
Fast höflich.
Dante trat sofort zurück.
Selbst die bewaffneten Männer im Raum schauten weg.
Caleb begriff zu spät.
„Roman—“
Der erste Schlag ließ den Stuhl kippen.
Ava zuckte zusammen.
Nicht wegen des Geräuschs.
Wegen Romans Gesicht.
Es war vollkommen leer.
Keine Wut.
Keine Freude.
Nur Urteil.
Zehn Minuten später trug Dante Caleb hinaus.
Lebendig.
Knapp.
Roman stand allein am Fenster.
Blut auf den Knöcheln.
Der nächtliche Lake Michigan spiegelte sich schwarz im Glas.
Ava wollte gehen.
Das hier war nicht ihre Welt.
Nie gewesen.
Doch dann sprach Roman, ohne sich umzudrehen.
„Du hast ihn beschützt.“
„Er ist ein Kind.“
Roman nickte langsam.
„Die meisten Menschen schützen sich selbst.“
Ava sah zu Nico hinüber, der auf dem Sofa eingeschlafen war, eingewickelt in eine Decke.
So klein.
So erschöpft.
Roman trat schließlich näher zu seinem Neffen und strich ihm vorsichtig eine Locke aus der Stirn.
Diese Bewegung erschütterte Ava mehr als jede Gewalt zuvor.
Denn Männer wie Roman Valenti galten nicht als zärtlich.
Aber vielleicht war genau das die gefährlichste Lüge über ihn gewesen.
Er blickte zu Ava.
Lange.
Ruhig.
„Du bleibst“, sagte er.
Keine Frage.
Keine Bitte.
Und seltsamerweise fühlte es sich zum ersten Mal seit Jahren nicht wie ein Käfig an.
Sondern wie Sicherheit.
