Teil 3 – Der Mann, der nie vergessen wurde

Teil 3 – Der Mann, der nie vergessen wurde

Der Bildschirm am Terminal wechselte plötzlich auf Rot, dann auf ein tiefes, ruhiges Blau, als würde das System selbst entscheiden, dass dieser Moment außerhalb aller normalen Regeln lag. Brad trat einen Schritt zurück, sein Gesicht nun deutlich weniger kontrolliert. „Das ist unmöglich“, sagte er. „Diese Uhr ist frei im Bestand.“ Der Mann schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Sie war nie frei.“ Er wandte sich leicht zur Vitrine, in der noch weitere Modelle lagen, doch sein Blick blieb bei der Mondphase, die Nora noch immer hielt. „Whitaker & Co. führt Aufzeichnungen über jede Sonderanfertigung. Jede Reservierung der Hawthorne-Serie wird in einem separaten Archiv gespeichert, offline, aus Sicherheitsgründen.“ Olivia wollte etwas sagen, doch kein Wort kam heraus. Nora spürte, wie sich ihre Hände leicht anspannten. „Woher wissen Sie das?“, fragte sie schließlich. Der Mann sah sie an, und diesmal war es kein prüfender Blick mehr, sondern ein Wiedererkennen, das tiefer ging als der Laden selbst. „Weil ich sie entworfen habe.“ Einen Moment lang dachte Nora, sie hätte sich verhört. Selbst der Klavierklang im Hintergrund schien zu stoppen. Brad lachte nervös. „Das ist absurd. Der Gründer ist seit Jahrzehnten tot.“ „Nicht der Gründer“, sagte der Mann ruhig. „Der zweite Architekt. Die Version, die nie in Broschüren stand.“ Er machte einen Schritt näher, und zum ersten Mal sah Nora etwas unter dem Schmutz und der Erschöpfung – nicht Reichtum im klassischen Sinn, sondern eine Art Besitz über Dinge, die andere nur verkaufen konnten. „Ich habe die Hawthorne-Serie entwickelt, um Zeitmessung unabhängig von Marktzyklen zu machen. Einige Prototypen wurden zurückgezogen. Einer davon wurde als verloren gemeldet.“ Seine Augen blieben an der Uhr hängen. „Diese hier.“ Olivia trat einen Schritt zurück, als würde der Boden unter ihr unzuverlässig werden. „Wenn das stimmt… warum sind Sie so…“ Sie brach ab, unfähig, das Wort auszusprechen. „Warum sehe ich so aus?“, vollendete er ruhig. „Weil ich verschwunden bin, bevor jemand entscheiden konnte, was ich wert bin.“ Nora spürte plötzlich, dass der Raum nicht mehr nur ein Laden war, sondern ein Ort, an dem etwas zurückkehrte, das nicht hätte zurückkehren sollen. Der Sicherheitsmann griff nach seinem Funkgerät, aber der Mann hob nur leicht die Hand. „Keine Sorge“, sagte er. „Ich bin nicht hier, um etwas zu nehmen.“ Eine Pause. „Ich bin hier, um etwas zurückzuholen.“ Sein Blick fiel wieder auf Nora. „Und du hast mir gerade gezeigt, dass sich dieser Ort verändert hat… oder zumindest eine Person darin.“ Die Uhr auf dem Tablett begann im Licht der Vitrine leicht zu schimmern, als hätte sie erkannt, dass ihr Besitzer nie wirklich gegangen war. Draußen wurde der Regen stärker, und für den ersten Moment seit Beginn dieser Geschichte wirkte es, als würde die Zeit selbst warten, bevor sie weitermachte.

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