Teil 3 – Der Sohn der Morettis
Nicole bestand darauf, sofort nach Hause zu fahren. Vincent ließ sie nicht allein. Eine schwarze Limousine brachte sie durch die nächtlichen Straßen von Ashford, während Regen gegen die Fenster schlug. Keiner sprach viel. Danny schlief zusammengerollt auf dem Rücksitz, den kleinen Dinosaurier fest in den Armen. Vincent blickte ihn immer wieder an, als könnte sein Verstand noch immer nicht akzeptieren, dass dieses Kind real war.
Vor dem Apartment warteten bereits zwei Männer in dunklen Mänteln. Einer sprach hastig mit Vincent auf Italienisch. Nicole verstand nur zwei Worte deutlich.
„Zu spät.“
Ihr Herz setzte aus.
Vincent stieg sofort aus. „Bleib im Wagen.“
Natürlich tat sie es nicht.
Die Tür zu ihrem Apartment war aufgebrochen. Schubladen lagen offen. Kleidung bedeckte den Boden. Jemand hatte alles durchsucht. Danny begann hinter ihnen aufzuwachen und rieb sich verschlafen die Augen.
„Mama?“
Nicole zog ihn sofort an sich.
Vincent ging langsam durch die Wohnung. Dann blieb er stehen. Auf dem Küchentisch lag ein Umschlag.
Für Vincent.
Er öffnete ihn. Sein Gesicht wurde mit jeder Zeile dunkler.
„Was steht da?“ fragte Nicole.
Er antwortete erst nach einigen Sekunden. „Mein Vater wusste von Danny.“
Die Luft verschwand aus ihren Lungen.
„Seit wann?“
„Seit seiner Geburt.“
Nicole starrte ihn an. „Nein.“
Vincent hob langsam den Blick. „Er hat Männer geschickt, um euch fünf Jahre lang zu beobachten.“
Sie taumelte zurück gegen die Wand.
Alles, wovor sie geflohen war, war niemals weit weg gewesen.
Danny zog an ihrem Ärmel. „Mama… warum weinst du?“
Da zerbrach etwas in Vincent.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber Nicole sah es. Zum ersten Mal wirkte der Mann, den halb New York fürchtete, nicht mächtig. Sondern erschüttert.
Danny blickte zu ihm auf. „Bist du wirklich Mamas Freund?“
Vincent kniete sich langsam hin, sodass er auf Augenhöhe mit dem Jungen war. Seine Stimme war rau.
„Ich hoffe, irgendwann darf ich mehr sein als das.“
Danny musterte ihn ernst. Dann hob er eine kleine Hand und berührte Vincents Gesicht.
„Du hast traurige Augen“, sagte er.
Vincent schloss für einen Moment die Augen.
Nicole hatte ihn nie so gesehen.
Nie.
In dieser Nacht brachte Vincent sie nicht in ein Hotel. Nicht in eines seiner Penthäuser. Sondern in das alte Haus am See außerhalb der Stadt — den einzigen Ort, den seine Familie nicht kontrollierte. Dort schlief Danny zwischen ihnen auf dem Sofa ein, während draußen der Regen gegen die Fenster fiel.
Kurz vor Sonnenaufgang stand Vincent am Fenster und sagte leise:
„Ich werde meinen Vater stoppen.“
Nicole sah ihn lange an. „Und wenn du dabei alles verlierst?“
Er drehte sich zu ihr um. In seinen grauen Augen lag nichts Kaltes mehr.
„Dann verliere ich es eben“, sagte er ruhig. „Denn zum ersten Mal in meinem Leben habe ich etwas gefunden, das mehr wert ist als Macht.“
Danny murmelte verschlafen im Schlaf. Vincent zog die Decke vorsichtig höher über seinen Sohn, und Nicole begriff endlich die Wahrheit, vor der sie fünf Jahre lang davongelaufen war:
Sie hatte Manhattan verlassen, um ihren Sohn vor einem Moretti zu schützen.
Aber am Ende war es genau ein Moretti, der sie beide rettete.
