Teil 3 – Die Briefe seiner Mutter

Teil 3 – Die Briefe seiner Mutter

Die Villa fühlte sich nicht wie ein Zuhause an. Eher wie eine Festung, die vergessen hatte, wie Frieden aussieht. Männer bewegten sich mit versteckten Waffen durch die Flure, Telefone klingelten ununterbrochen, irgendwo zerbrach Glas. Trotzdem führte Alessandro mich nicht in ein Büro, sondern in eine private Bibliothek im obersten Stockwerk.

Dort roch es nach Leder, Rauch und alten Büchern.

Und nach Trauer.

Er legte die Briefe vorsichtig vor mich hin. Vergilbtes Papier, verblasste Tinte, italienischer Dialekt. Ich erkannte sofort die Handschrift einer älteren Frau.

„Das ist ihre Schrift?“, fragte ich.

Er nickte.

„Meine Mutter schrieb sie in den Monaten vor ihrem Tod. Mein Vater ließ sie verstecken.“

„Warum?“

Sein Blick wurde hart. „Weil mein Vater Angst vor Wahrheiten hatte.“

Draußen hallten plötzlich Schreie durch die Villa. Einer der Männer rief etwas auf Italienisch. Alessandro reagierte sofort, zog eine Pistole aus dem Jackett und ging zur Tür.

Ich erstarrte.

Er bemerkte es.

Für einen kurzen Moment sah er nicht aus wie ein Mafia-Boss. Sondern wie ein Mann, der sich dafür hasste, dass Angst für ihn normal geworden war.

„Bleiben Sie hier“, sagte er ruhig. „Schließen Sie die Tür hinter mir.“

Dann verschwand er.

Meine Hände zitterten leicht, als ich den ersten Brief öffnete.

Die ersten Zeilen waren harmlos. Erinnerungen. Rezepte. Geschichten aus Neapel.

Dann änderte sich der Ton.

„Wenn Alessandro diesen Brief jemals liest, bedeutet das, dass sein Vater mich nicht mehr zum Schweigen bringen konnte.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

Ich las weiter.

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Und plötzlich verstand ich.

Seine Mutter war nicht bei einem Unfall gestorben.

Sie hatte versucht zu fliehen.

Mit Beweisen.

Mit Namen.

Mit Konten.

Mit Informationen über Verrat innerhalb der Familie Moretti.

Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken.

Genau in diesem Moment ging unten ein Schuss los.

Dann noch einer.

Männer schrien.

Ich sprang auf, doch bevor ich die Tür erreichte, wurde sie aufgerissen. Alessandro trat herein, Blut an seiner Schulter, die Pistole noch in der Hand.

„Wir müssen sofort weg“, sagte er scharf.

„Alessandro— deine Mutter…“

„Später.“

Er packte meine Hand. Seine Finger waren warm trotz des Blutes.

„Sie sind im Haus.“

„Wer?“

Seine Augen trafen meine.

„Die Männer, die meine Mutter getötet haben.“

Unten splitterte Glas.

Jemand schrie seinen Namen.

Und in diesem Augenblick verstand ich endlich, warum Alessandro Moretti mich angesehen hatte, als hätte mein Lied einen Geist geweckt.

Denn seine Mutter hatte ihm nicht nur ein Lied hinterlassen.

Sondern einen Krieg.

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