Teil 3: Die Frau, die nicht mehr verschwand
Das Penthouse über dem Hafen war stiller als jede Kirche, die Clare je betreten hatte.
Keine Musik.
Keine Stimmen.
Nur Regen gegen Glas und die entfernten Hörner der Schiffe unten im Nebel.
Adrian Vale stand am Fenster mit dem Handy am Ohr, während drei bewaffnete Männer lautlos durch den Raum gingen.
„Niemand kommt ohne meine Zustimmung rein“, sagte Adrian ruhig ins Telefon.
Pause.
Dann kälter:
„Wenn jemand bereits drin war, habt ihr schon versagt.“
Er legte auf.
Clare stand noch immer mitten im Wohnzimmer, durchnässt, erschöpft und vollkommen fehl am Platz zwischen italienischem Marmor und millionenschweren Gemälden.
„Sie verfolgen mich?“, fragte sie leise.
Adrian drehte sich langsam zu ihr um.
„Nein.“
„Dann warum war jemand in meinem Apartment?“
Er schwieg einen Moment zu lange.
Fehler.
„Adrian.“
Zum ersten Mal sagte sie seinen Namen.
Nicht respektvoll.
Nicht ängstlich.
Wie eine Anklage.
Er kam langsam näher.
„Vor sechs Wochen“, sagte er ruhig, „hast du in einem Café einen USB-Stick aufgehoben.“
Clare runzelte die Stirn.
Dann erinnerte sie sich.
Der kleine schwarze Stick unter einem Tisch.
Sie hatte gedacht, jemand hätte ihn verloren.
Sie hatte ihn eingesteckt, um ihn später abzugeben.
„Woher wissen Sie das?“
„Weil drei Männer seitdem tot sind.“
Die Worte trafen sie wie Eiswasser.
„Was?“
„Und weil auf diesem Stick Informationen sind, für die Menschen töten.“
Der Raum kippte kurz.
Clare trat einen Schritt zurück.
„Ich habe ihn nie geöffnet.“
„Das glaube ich dir.“
„Dann warum—“
„Weil andere Menschen das nicht glauben.“
Draußen blitzte Donner über dem Hafen auf.
Adrian beobachtete sie genau.
Nicht wie ein Mann, der sie besitzen wollte.
Wie jemand, der berechnete, wie lange sie noch am Leben blieb.
„Wer will ihn?“
Sein Blick wurde dunkler.
„Leute, die nicht scheitern dürfen.“
Dann ging plötzlich das Licht aus.
Der gesamte Raum versank in Dunkelheit.
Einen halben Herzschlag später zog Adrian eine Pistole aus dem Mantel.
Der Fahrer griff bereits nach Clare und drückte sie hinter das Sofa.
Unten im Gebäude ertönte ein dumpfer Knall.
Dann ein zweiter.
Schüsse.
Clares Atem raste.
„Oh Gott—“
„Leise“, sagte Adrian.
Nicht hart.
Sofort.
Im Flur außerhalb des Penthouses erklangen Schritte.
Langsam.
Mehrere Männer.
Adrian blickte zur Tür.
Sein Gesicht wurde vollkommen still.
Tödlich still.
Dann sah er Clare an.
Und zum ersten Mal lag dort etwas Gefährliches, das nichts mit Gewalt zu tun hatte.
Entscheidung.
„Hör mir genau zu“, sagte er leise.
Die Schritte kamen näher.
„Ab jetzt“, sagte Adrian Vale, während jemand draußen begann, auf die Tür zu schießen, „wird die Welt glauben, dass du tot bist.“
Dann entsicherte er die Waffe.
Und lächelte zum ersten Mal.
