Teil 3 – Die Nacht, in der Chicago verstand, wen Roman Sterling wirklich liebte

Teil 3 – Die Nacht, in der Chicago verstand, wen Roman Sterling wirklich liebte

Unten lief die Hochzeitsfeier weiter, doch im obersten Stockwerk des Sterling-Anwesens hatte sich etwas verändert. Evelyn spürte es in der Art, wie Victor still neben der Tür wartete. In der Art, wie Roman die schwarze Speicherkarte betrachtete, ohne ein einziges Wort zu sagen. Die gefährlichsten Männer waren nie die lautesten.

„Roman“, sagte Evelyn vorsichtig, „Connor war betrunken. Er meint Dinge nicht so.“

Roman hob langsam den Blick. „Und die Blutergüsse? Meint er die auch nicht so?“

Sie konnte nicht antworten.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich nicht nur verängstigt. Sondern gesehen. Und genau das machte ihr fast noch mehr Angst.

Roman steckte die Speicherkarte in die Innentasche seines Jacketts. „Victor.“

„Ja, Boss.“

„Sorgen Sie dafür, dass niemand das Anwesen verlässt.“

Evelyn erstarrte. „Roman—“

„Nicht heute Nacht.“

Seine Stimme blieb ruhig, doch Victor nickte sofort und verschwand ohne weitere Fragen aus dem Zimmer.

Dann wurde es still.

Roman trat diesmal langsam näher. Nicht wie ein Raubtier. Eher wie ein Mann, der wusste, dass jede falsche Bewegung jemanden erschrecken könnte, der schon zu lange verletzt worden war.

„Hat Ihr Vater davon gewusst?“ fragte er.

Evelyn schloss die Augen.

Das genügte als Antwort.

Roman wandte sich abrupt ab. Sie sah, wie seine Hände sich kurz zu Fäusten schlossen. „Er hat Sie verkauft.“

Die Wahrheit tat weh, obwohl sie sie längst kannte.

„Es war nur ein Geschäft“, flüsterte sie.

Roman drehte sich sofort wieder zu ihr um. „Nein.“ Seine Stimme wurde härter. „Geschäfte hinterlassen keine Fingerabdrücke am Hals ihrer Töchter.“

See also  Teil 3 – Die Frau, die nicht mehr wartete

Evelyn spürte plötzlich Tränen in den Augen. Nicht wegen Connor. Nicht wegen ihres Vaters. Sondern weil niemand zuvor jemals wütend für sie geworden war.

Unten ertönte plötzlich lautes Geschrei.

Dann ein dumpfer Schlag.

Evelyn zuckte zusammen.

Roman jedoch bewegte sich keinen Zentimeter. Sekunden später öffnete Victor erneut die Tür. „Connor Gray hat versucht, einen Wachmann zu schlagen.“

„Und jetzt?“ fragte Roman ruhig.

Victors Gesicht blieb ausdruckslos. „Jetzt kniet er im Ballsaal.“

Evelyns Atem stockte.

Roman sah sie an. „Möchten Sie wissen, was Ihr Bruder gerade zum ersten Mal in seinem Leben lernt?“

Sie brachte kein Wort heraus.

„Dass Angst plötzlich sehr unangenehm wird“, sagte er kalt.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes.

Evelyn griff nach seinem Ärmel.

Ganz leicht.

Roman verstummte sofort.

„Bitte“, flüsterte sie mit zitternder Stimme. „Ich will nicht noch mehr Gewalt.“

Zum ersten Mal an diesem Abend wurde sein Blick weich. Nicht schwach. Niemals schwach. Aber etwas in seinen Augen löste sich, als hätte sie gerade einen Teil von ihm berührt, den seit Jahren niemand mehr erreicht hatte.

Roman hob langsam die Hand.

Evelyn zuckte instinktiv zurück.

Doch statt sie zu berühren, zog er nur sein Jackett aus und legte es vorsichtig um ihre Schultern.

„Niemand wird Sie heute Nacht anfassen“, sagte er leise. „Nicht Ihr Bruder. Nicht Ihr Vater. Niemand.“

Evelyn starrte ihn an.

Dann brach etwas in ihr auf — all die Jahre aus Angst, Schweigen und sorgfältig versteckten Verletzungen. Sie begann zu weinen. Lautlos zuerst. Dann unkontrolliert.

Und Roman Sterling, der Mann, vor dem ganz Chicago Angst hatte, zog seine frisch angetraute Ehefrau langsam in seine Arme, als wäre sie etwas Zerbrechliches, das die Welt zu oft fallen gelassen hatte.

See also  Teil 3

Unten warteten Politiker, Millionäre und Verbrecherfamilien auf den gefürchtetsten Mann der Stadt.

Doch Roman blieb oben.

Denn zum ersten Mal seit vielen Jahren war Macht nicht das Wichtigste in seinem Leben.

Sondern die Frau, die ihn angefleht hatte, sie nicht zu berühren — und ihm trotzdem als Erstem vertraute, als sie endlich zerbrach.

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