Teil 3: Das Vermächtnis der Tochter
Es klopfte. Drei feste, autoritäre Schläge gegen das dünne Holz ihrer Wohnungstür.
Clara zögerte, bevor sie den Riegel zurückschob und die Tür einen Spalt öffnete. Der Mann vor ihr war groß, grauhaarig und strahlte eine ruhige, aber bedrohliche Macht aus. Es war kein Gangster. Es war das alte Geld San Franciscos.
„Clara Mercer?“, fragte er. Seine Stimme war glatt und tief.
„Ja?“, antwortete sie misstrauisch und hielt die Tür immer noch schützend vor sich.
„Mein Name ist Arthur Sterling“, sagte er. Er nahm seinen Hut ab. Es war keine Geste der Unterwerfung, sondern ehrlichen Respekts. „Die Frau, die Sie gestern Morgen in dieser Gasse gerettet haben, ist meine Tochter.“
Clara entspannte sich ein wenig, ließ die Tür aber nicht los. „Wie geht es ihr?“
„Sie liegt auf der Intensivstation. Die Ärzte sagen, wenn sie auch nur zehn Minuten länger in dieser Gasse gelegen hätte, hätten die Drogen ihr Herz endgültig ruiniert“, erklärte Sterling. „Sie haben ihr das Leben gerettet, Miss Mercer.“
„Das hätte jeder getan“, entgegnete Clara leise und sah zu Boden.
„Nein“, widersprach Sterling sanft. „Die Polizei hat die Überwachungskameras der angrenzenden Straße ausgewertet. Vier Personen sind an dieser Gasse vorbeigegangen, bevor Sie kamen. Keine von ihnen hat angehalten. Nur Sie.“ Er schwieg einen Moment, sein Blick glitt über Claras abgenutzte Kleidung und das kleine, feuchte Apartment hinter ihr. „Ich weiß auch, was es Sie gekostet hat, anzuhalten.“
Clara sah überrascht auf.
„Sie haben die Anwaltsprüfung verpasst“, fuhr Sterling fort. „Eine Prüfung, für die Sie extrem hart gekämpft haben. Und Sie haben es getan, um einer Ihnen völlig Fremden zu helfen.“
Er griff in seine Brusttasche und zog einen makellosen weißen Umschlag heraus. „Meine Familie steht tief in Ihrer Schuld. Dieser Scheck wird Ihr Studium und Ihren Lebensunterhalt für die nächsten fünf Jahre decken. Es ist kein Almosen. Es ist eine Anerkennung Ihres Charakters.“
Clara starrte auf den Umschlag. Es fühlte sich an wie ein schmutziger Handel. Sie hatte Ivy nicht gerettet, um belohnt zu werden. Sie schüttelte langsam, aber bestimmt den Kopf.
„Mr. Sterling, ich verkaufe meine Hilfsbereitschaft nicht. Ich werde mein Examen nächstes Jahr machen. Behalten Sie Ihr Geld.“
Arthur Sterling lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. Er steckte den Umschlag zurück in seine Tasche. „Das hatte Ivy vermutet, dass Sie das sagen würden.“
Er zog etwas anderes aus der Tasche – eine kleine, versiegelte Plastiktüte mit einem USB-Stick darin.
„Als meine Tochter heute Morgen kurz wach war, hat sie mich gebeten, Ihnen das hier zu bringen. Nicht mir. Nicht der Polizei. Sondern Ihnen“, sagte Sterling. „Es war in der Innentasche ihres Kleides eingenäht. Ivy hat herausgefunden, wer in meinem eigenen Unternehmen junge Frauen unter Drogen setzt, ihnen die Pässe stiehlt und sie außer Landes bringt. Der ‘Mann mit dem Ring’, den Sie erwähnt haben, ist mein eigener Geschäftspartner.“
Claras Herz begann zu rasen.
„Ich bin ein alter Mann, Miss Mercer“, sagte Sterling und sah ihr nun direkt in die Augen. „Ich habe Geld, aber ich habe keine Ahnung, wie ich diesen Mann rechtlich vernichten kann, ohne dass meine Tochter dabei öffentlich zerstört wird. Ivy sagte, sie vertraut Ihnen. Weil Sie sie nicht liegen gelassen haben.“
Er reichte ihr den Stick.
„Ich brauche keine Anwältin, die frisch ein Examen bestanden hat“, sagte er leise. „Ich brauche eine Kämpferin, die weiß, wie es auf der Straße aussieht, und die keine Angst vor der Dunkelheit hat. Helfen Sie mir, diesen Fall aufzubereiten. Ich werde Sie als meine persönliche juristische Beraterin einstellen, mit einem Gehalt, das alle Sorgen löst. Und wenn Sie nächstes Jahr das Examen machen, werden Sie es aus meinem Büro im 40. Stock tun.“
Clara sah auf den kleinen Speicherstick in seiner Hand. Es war nicht einfach nur ein Job. Es war die Chance, nicht nur sich selbst zu retten, sondern das zu tun, wofür sie eigentlich Anwältin werden wollte: echte Gerechtigkeit zu schaffen.
Dieses Mal zögerte sie nicht. Clara Mercer streckte die Hand aus und nahm den Stick.
„Kommen Sie herein, Mr. Sterling“, sagte sie und öffnete die Tür weit. „Wir haben viel Arbeit vor uns.“
